Schachweltmeister: Adolf Anderssen (1851-1858)
Mit dieser Serie möchte ich euch die Weltmeister der Schachgeschichte näherbringen. Durch die lange Tradition des Schachs und die Vielzahl an Spielern ist es natürlich nicht einfach geworden, den Überblick zu behalten. Jeder kennt Kasparov, Kramnik oder Anand - aber wer kam davor? Diese Meister der Vergangenheit sollen nicht vergessen werden, denn jeder von ihnen hat das Schach unglaublich bereichert. Um selbst ein guter Schachspieler zu werden, solltet ihr euch die Partien großer Spieler genau ansehen - denn nirgendwo anders kann man so viel lernen! Es gab jederzeit gute Spieler, vielleicht auch immer einen besten. Ich möchte mit einem Spieler beginnen, den man als den ersten inoffiziellen Weltmeister bezeichnet - der deutsche Gymnasiallehrer Adolf Anderssen.
Er lebte von 1818 bis 1879, also etwa 150 Jahre vor unserer Zeit und fing mit neun Jahren mit dem Schachspiel an. Auch er lernte fleißig von früheren Schachspielern, bis er selbst zu einem der größten Angriffs- und Kombinationsspieler aller Zeiten wurde. 1851 gewann er das damals möglicherweise am besten besetzte Turnier überhaupt; das erste Internationale Turnier in London.
Seitdem galt er als stärkster Spieler, was er danach noch oft unter Beweis
stellte. Das Schach war damals anders als heute - das Mattsetzen stand ganz
oben, und so wurde der gegnerische König stets eifrig gejagt und bedroht, ohne
Zeit zu verschwenden. Bauern, Figuren und auch Türme wurden gern in der
Hoffnung auf einen entscheidenden Angriff geopfert. Es war eine Sache der Ehre,
gegnerische Opfer immer anzunehmen! In dieser Zeit waren natürlich Eröffnungen
wie das Königs- oder das Evansgambit sehr populär. Mit Sicherheit kennt ihr
noch viel mehr Gambits und scharfe Eröffnungen. Hauptsache also, es ging rund
und bei Adolf Anderssen stand das Brett regelmäßig in Flammen. Ich könnte
euch viele Partien dieses Angriffskünstlers zeigen - seine 'unsterbliche Partie'
habt ihr im ersten Fritz & Fertig Teil schon früh kennengelernt! Diese
'Immergrüne Partie' hier hat es mir besonders angetan:
A. Anderssen - J. Dufresne, Berlin 1852
1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Lc5 4.b4!? Das
Evans-Gambit! Weiß opfert einen Bauern, um schnell das Zentrum zu erobern.

4...Lxb4 5.c3 La5 6.d4 exd4 7.0–0! d3 Warum
hat Schwarz nicht auf c3 genommen, sondern so einen komischen Zug gespielt? Er
hatte Angst vor Db3, La3 (beide schielen gefährlich auf den schwarzen König!)
und Sxc3. Nach schwarzem d3 findet der Springer auf b1 erst einmal kein gutes
Feld. 8.Db3 Immer mit Tempo! Weiß möchte den kleinen Bauern auf d3
nicht, er möchte den schwarzen König. 8...Df6 9.e5 Dg6 10.Te1 Sge7 11.La3 Mit
jedem Zug führt Weiß eine neue Figur ins Spiel - genau das, was ihr auch von
euren Trainern lernt. Betrachtet für einen Moment die Stellung: der schwarze
Bauer auf e5 hat seinen Posten verlassen und ist tief ins Feindeslager
gewandert. Der Weiß hat das Fehlen des Bauern ausgenutzt und das Zentrum
besetzt. Die schwarzen Figuren haben keine schönen Felder, während die weißen
aktiv nach vorn wirken. Wer das Zentrum kontrolliert, kontrolliert das Brett! In
der Eröffnung solltet ihr euch mit euren Bauern den gegnerischen Bauern
entgegenstemmen, um ihnen keinen Platz zu lassen. 11...b5?! Schwarz steht
sehr eingeengt (schaut euch den Läufer auf c8 an!) und möchte sich auf diesem
Wege befreien. 12.Dxb5 Tb8 13.Da4 Lb6 14.Sbd2 Lb7 15.Se4 Ein
wunderschönes Feld für den Springer. 15...Df5 Dies war die letzte
Gelegenheit für den Schwarzen, seinen König mit der Rochade in Sicherheit zu
bringen. 16.Lxd3 Dh5 Wie kann man dem schwarzen König nun zu Leibe
rücken? 17.Sf6+!! So! Ein Zug typisch für die damalige Zeit.

17...gxf6 18.exf6 Tg8 Schwarz versucht,
Gegenspiel auf der g-Linie aufzubauen. 19.Tad1! Warum nimmt Weiß nicht
den Springer auf e7? Er ist gefesselt und läuft euch nicht weg - Adolf
Anderssen ist geduldig und führt die letzte Figur zum Angriff heran. 19...Dxf3
Schwarz wittert seine Chance und droht ein einzügiges Matt, aber er kommt
natürlich zu spät. 20.Txe7+! Sxe7 Mit Kd8 hätte Schwarz noch etwas
Widerstand leisten können, aber auch so hätte er auf verlorenem Posten
gestanden. Findet nun den krönenden Abschluss der Partie! 21.Dxd7+!! Kxd7
22.Lf5+ Ke8 23.Ld7+ Kf8 24.Lxe7#

Ein Meisterwerk der Schachgeschichte, nur eine
von vielen schönen Angriffspartien Adolf Anderssens. Traut euch, Material zu
opfern, wenn ihr dafür eine gute Figurenentwicklung und starken Angriff
erhaltet, aber veropfert euch nicht. Je mehr ihr spielt, desto besser werdet ihr
irgendwann wissen, wann es angebracht ist! Adolf Anderssen blieb übrigens nicht
immer stärkster Spieler der Welt, aber mehr dazu erfahrt ihr beim nächsten
Mal.
[Thomas Trella]